Suffizienz

Suffizienz wird von der Vision eines guten Lebens getragen, in dem meine materiellen und immateriellen Wünsche erfüllt werden können, ohne dass dies auf Kosten anderer oder künftiger Generationen geht. Es ist ein gutes Leben in Achtsamkeit und Verantwortung – für mich und andere.

Eine konkrete und allgemeingültige Vision von Suffizienz gibt es nicht. Aber es gibt viele Bilder und Puzzleteile, wie ein gutes Leben aussehen könnte – was dazu gehört und was wir nicht mehr wollen. Und es gibt viele Menschen, die darüber nachgedacht und ihre Erfahrungen gemacht haben, die sich Slogans haben einfallen lassen und ernsthafte Bücher und Geschichten geschrieben haben.

Die folgenden Beispiele aus diesem Fundus möchten zum Weiterdenken und Einfühlen anregen:

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Vom Haben zum Sein

Ich bin frei vom Konsumdruck, ich muss nicht immer mehr haben wollen, immer schneller und erfolgreicher sein

Weg vom Überdruss am Überfluss

Slowfood, Slowtravel, Slow City

Langsamer, weniger, besser, schöner

Vergnügtsein geht über Reichtum

Die unerschöpfliche Kraft des Einfachen

 

Suffizienzpolitik

Heute wird es Menschen, die suffizient leben wollen, schwer gemacht: In der Stadt ist Radfahren mühsam und gefährlich, auf dem Land gibt es kaum noch öffentlichen Verkehr und Einkaufsmöglichkeiten, der Urlaubsflug ins Ausland ist billiger als das inländische Urlaubsziel mit dem Zug zu erreichen. Faire Kleidung ist in den Läden kaum zu finden, der Chef rümpft die Nase, wenn ich meine Arbeitszeit verringern will. Die abstrakte Wahlfreiheit hat ihre realen Grenzen. Ein Lebensstil des Weniger hat es schwer in einer Gesellschaft, die auf Mehr ausgerichtet ist. Es gibt eine »gläserne Wand«, mit der meine Überzeugungen und Vorsätze immer wieder kollidieren.

Eine Vision ist, dass Suffizienzpolitik es Menschen, die nachhaltig leben wollen, leichter macht. Mit Preisen, die die ökologische und soziale Wahrheit sagen und damit Biolebensmittel günstiger sind und Fliegen teuer ist. Mit einer Verkehrsinfrastruktur, in der ich mich mit meinen Kindern und der Großvater mit seinem Rollator sich sicher bewegen können. In einer Umgebung, in der es Gärten in Wohnungsnähe gibt, um Blumen und Gemüse anzubauen. Häuser der Eigenarbeit, in denen mir Menschen beim Reparieren und Selbermachen helfen. In der es gemeinschaftliche Wohnprojekte gibt für unterschiedliche Lebensphasen, in der ich der Werbung nicht ständig und ungefragt ausgeliefert bin. In einer Gesellschaft, in der ich finanziell abgesichert Zeiten der Erwerbs-, Familienarbeit und des Ehrenamts neu kombinieren kann. In der die Politik mich dabei unterstützt, mit leichtem ökologischen Fußabdruck zu leben und zum sozialen Zusammenhalt beizutragen.

 

Nauleau Das Feld 50 Web Wasserzeichen

 

Nauleau Das Feld 57 Web Wasserzeichen

 

 

Beispiel »Freie Sicht«

»Eine Stadt, in der die Architektur und die Gestaltung der Plätze, die  Geschichte und die Natur prägend sind.  Eine Stadt, in der sich Menschen gerne aufhalten, zu verschiedenen Aktivitäten – zum Spazierengehen, Kaffeetrinken, zu Kultur und Sport, und auch zum Einkaufen. In deren entspannter Atmosphäre man nicht zum Kauf gedrängt wird – in der Werbung nicht aufdringlich, allgegenwärtig und dominierend ist. Eine Stadt, die mehr ist als eine Shoppingmall.«

 

Eine solche Stadt ist Grenoble, in der es seit Anfang 2015 keine Werbung auf öffentlichen Flächen mehr gibt. Seit den Kommunalwahlen im März 2014 hat ein Bürgerbündnis aus Zivilgesellschaft und bis dahin kleineren Parteien die Mehrheit im Stadtrat. Auslöser war unter anderem eine zunehmende Unmut über die allgegenwärtigen Reklametafeln, die den Blick auf Gebäude, Plätze und das Alpenpanorama verstellten, Ärger über die Kommerzialisierung und Privatisierung des öffentlichen Raums und die Dominanz der großen Konzerne und Einkaufszentren. Die Vision »Eine Stadt für alle« war das Gegenbild und so attraktiv, dass es die Zustimmung der Bürgerinnen und Bürger bei der Wahl gewann. Ohne Außenwerbung auf städtischen Flächen gibt es wieder eine freie Sicht auf die Alpen, mehr Handlungsfreiheit für die Kommune und eine neue Lebensqualität in der Stadt.

Ein aufschlussreiches Interview mit der Grenobler Stadträtin Lucille Lheureux finden Sie auf dem Blog „Stadt Land Glück“.

 

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